Julius Steglich

Der liebenswerte Historienmaler Julius Steglich war kein Atelierschüler Richters, aber er hat mancherlei Beziehungen zu dem Meister gehabt, und er verdient unsere Liebe im besonderen Weise.

Carl Julius Stäglich (eigentlich so), das siebente Kind eines Kreisamtkomponisten in Meißen "Auf der Freiheit", wuchs in Armut auf, da der Vater früh gestorben war und die Mutter sieben Kinder zu ernähren hatte. Armut ist zeitlebens sein Los gewesen. da er bei älteren Geschwistern in Dresden ein Unterkommen fand, wurde ihm der Besuch der Kunstakademie ermöglicht. Die Matrikel berichtet ausführlich seinen Lauf. Zu Michaelas 1853 tritt er mit 14 Jahren in die Unterklasse ein. Zweimal erhält er ein Ehrenzeugnis für einen gut gemalten Kopf. Am sonnabendlichen Klassenunterricht im Landschaftszeichnen bei Ludwig Richter wird Steglich eifrig teilgenommen haben, wie aus seinem künstlerischen Nachlaß hervor geht. Zeitlebens hat er Richter hoch verehrt, gern nannte er sich "einen der letzten Schüler Ludwig Richters", und Zeichnungen, die die eigenhändige Korrektur des Meisters trugen, hob er sich wie Kleinodien auf; trotzdem wurde er der damaligen Hochschätzung der Geschichtsmalerei folge, Historienmaler.
Im Atelier des Histiorienmalers Bendemann bleibt er bis zu dessen Abgang nach Düsseldorf 1859, dann tritt er in Julius Schnurr von Carlosfelds Werkstatt ein. Auf einen Bild "Aussetzung des Moses" (jetzt wohl in der herzlichen Sammlung in Dessau) erhält er1860 die kleine silberne Medaille, auf das Schäferidyll aus Ariosts Rasendem Roland auf den Karton "Arminius findet den ohnmächtigen Tankred", 1863 die große Silberne Medaille für "Odysseus wird von den Phäaken schlafend nach Ithaka gebracht", 1864 gar die kleine Goldene Medaille für das Ölbild "Odysseus wird von seiner Amme Euryklein an einer Narbe erkannt, während die Gattin Penelope im Hintergrund am Spinnrocken eingeschlafen ist". Wir sahen dieses Gemälde: eine gute Leistung, mit doppelter Lichtquelle, ordentlich gemalt und voll Herz.
Nach diesem Bilde verließ Steglich 1864 die Akademie. Er malte zuerst Bilder nach Dichtungen, so einen Fischer nach Goethe, ging aber dann zu christlichen Themen über. Bald kamen kirchliche Aufträge. Für die Kirche Hirschfelde malte er einen "Segnenden Christus", für die Gatzen bei Groitzsch ein "Abendmahl". Vor allem zeichnete er viele Bilder für den Holzschnitt. Eine ganze Bilderbibel für Kinder mit Holzschnitten in kleinen Format erschien bei Justus Naumann in Dresden. Die meisten dieser Holzschnitte kamen auch in der berühmt gewordenen "Calwer zweimal 52 Biblischen Geschichten für Schulen und Familien", die in der Calwer Vereinsbuchhandlung erschienen (1936 480000, also in einer Gesamtauflage von fast einer halben Million gedruckt).
Der Dichter Dostojewski hat als Kind dieses ins Russische übersetzte Buch mit Wonne gelesen! Manche dieser feinen kleinen Zeichnungen, alle mit "J.St." signiert, sind nach berühmten Meistern entworfen, die anderen sind selbst erfunden und zeigen oft Richtersche liebliche Art. Steglich hat immer betont, daß er erst durch diese und andere Illustrationsaufträge dazu gekommen sei, sich mit dem wirklichen Leben zu beschäftigen. Erst als er gezwungen war, auf Märkten und Straßen, in der Wiese und im Wald zu zeichnen, entdeckte er seine eigene Art, seine ursprüngliche Begabung, und die erwies sich als idyllisch, friedlich, labsam, geruhig. So hat er in seiner lieblichen, Richter ähnelnden Weise gezeichnet und gemalt. Aber er setzte einen gewissen Stolz darein, daß nicht die zu jener Zeit erschienenen Holzschnittwerke Richters, sondern das Alltagsleben selber ihn angeregt habe, so zu schaffen ist, wie er es getan hat". Viele Jahrgänge der "Geschichten und Bilder zur Förderung der inneren Mission" hat er bebildert (Agentur des Rauhen Hauses, Hamburg).
Ein ganz besonderes Fach das er pflegte waren die Transparente. Für die Kirche der Dresdner Diakonissenanstalt schuf er 1875 f. drei transparente Ölbilder, eine Geburt Christi, eine Anbetung, eine Darstellung in den "Bausteinen, Monatsblatt für Innere Mission", März 1895 (das Titelbild hat bekanntlich Ludwig Richter gezeichnet), wird berichtet, daß Pfarrer Hickmann vom Landesverein für Innere Mission von 1878 an drei Reihen weihnachtlicher Transparente von den Dresdner Malern Steglich, Bärwinkel, Thoms, Schönherr und Andreä (u.a.) meist nach berühmten Meistern wie Führich malen ließ, im ganzen 32 große Bilder, jedes etwa zwei Meter hoch. Julius Steglich war an dem Werke also wesentlich beteiligt. Diese Bilder wurden in verschiedenen Städten Sachsens und des "Auslandes" in Sälen, unter Vorführung von weihnachtlichen Chören gezeigt und Tausende von Besuchern erlebten damals tiefbewegt diese weihnachtliche Schau.
Über ein Drittel dieser Bilder befinden sich jetzt in der Kirche von Bärwalde bei Radeburg, denkenswerterweise dort bestens aufgestellt von Pfarrer Walther Schleinitz-Berbisdorf, dem Enkel des Richterfreundes Woldemar Herrmann, des Architekten und Architekturmalers (1807-1878). Auch kleine transparente Krippenbilder für das Haus schuf Steglich. Manche Anstalt der Nächstenliebe, wie Bethesdain der Lößnitz, und manche Kirche hat noch heute solche Weihnachtsbilder von Julius Steglich, ohne den Namen des Meisters mehr zu kennen. Er wurde der Weihnachtsmaler des Sachsenlandes, der viele Menschen zum Christfest erfreute. Ein ausgezeichnetes Werk waren Steglichs zwanzig "Sächsische Heimatbilder" in Aquarell (über die Carl Matthies im 53. Töchteralbum geschrieben hat, mit vier Abbildungen), künstlerische und kulturgeschichtliche Meisterblätter, Schilderungen friedvollen Menschenlebens in altsächsischen traulichen Winkeln. Eine Veröffentlichung dieser prächtigen Bilder würde sich lohnen. Der Verfasser ist dankbar für jeden Hinweis auf den jetzigen Aufenthaltsort der Bilder. Die Kinder auf einer Frühlingswiese, die Wasser holenden Frauen des Abends an der alten Weißeritzbrücke in Löbtau, ein sommerlicher Sonntagnachmittag in einem Gastgarten am Meißner Burgberge, allerlei Wintervergnügen beim Burglehnhause in Meißen- das sind einige Themen dieser Sächsischen Heimatbilder.
Persönlich hatte Steglich ein schweres Los zu tragen. "Als kranker elender brustkranker Mann mußte er sich schwer durchs Leben schlagen", lesen wir in alten Aufzeichnungen(Barduleck). Er verwitwete schon 1877, als seine beiden Söhne erst neun und sechs Jahre alt waren. Er blieb bis zu seinem Tode einsam und war also sechsunddreißig Jahre lang Witwer. Seine Söhne pflegte und erzog er selbst; er kochte selbst für sich und lebte in großer Bescheidenheit und Stille in Dresden, zuletzt in der Meißner Landstraße 17 in Briesnitz.
Der ältere Sohn wurde Bäcker, der jüngere Lehrer. Äußerlich ähnelte er Philipp Melanchthon, und er hatte auch viel von dessen ängstlicher Bescheidenheit. Einer seiner letzten Werke war ein prächtiger "Erntezug" in Aquarell, 1910 beendet. In den letzten Jahren vertiefte er sich in die Bibel und schrieb "Bibelstunden eines Laien", mit seiner schönen Handschrift. Seine Bibelkenntnis war groß. Als er einmal eine Bergpredigt mit einem stehenden Christus zeichnen sollte. Erwiderte er sofort: " Aber es steht geschrieben: Und er setzte sich..."
Der Maler Paul Höfer erzählte uns: "Vater Steglich, wie er in unserem Kreise genannt wurde, ging jahrzehntelang in unserem Dresdner Heim ein und aus. Seine Freundschaft war treu. Gern las er alte Geschichten vor oder wir rezitierten Gedichte und Schauspielrollen. Sehr gern hörte uns Vater Steglich singen. Er war ein Hellene mit christlichen Geiste. Man denkt nur zu gern an diesen ehrlichen Freund."
Im Krankenhaus zu Dresden-Friedrichstadt starb er mit vierundsiebzig Jahren, er hatte angeordnet, daß sein Leib eingeäschert würde. Erstaunlich war uns die herzliche Liebe und Dankbarkeit, mit der wir noch dreißig Jahre nach seinem Heimgang von mehreren Seiten über ihn Kunde erhielten.

Abschrift aus dem Buch von Pfarrer Karl Josef Friedrich in Seifersdorf "Ludwig Richter und sein Schülerkreis", Verlag Köhler & Amelang 1956, Seiten 193 -196